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Fasernessel und Ramie – das Zeitfenster für die Pflanzung von Ramie und Fasernessel ist jetzt offen

Im Unterschied zu den Sonnenanbetern Flachs und Hanf geben sich Ramie und Nessel auch mit Standorten im Halbschatten zufrieden. Die Fasernessel lohnt das mit Wuchslänge, die Ramie fühlt sich eher an ihr Herkunfstgebiet in China erinnert, dass sehr häufig eher diesig ist. Natürlich macht es keinen Sinn die Pflanzen bei Temperaturen über 40°Grad einzupflanzen, aber 30°C und regelmässiges Wässern stehendem Anwachsen nicht entgegen. 
Auch auf die Gefahr hin in bestimmten FB-Gruppen wieder als gierige Spaßbremse beschimpft zu werden: die Fasernessel taugt zu mehr als grobem Flechtwerk, Schnüren oder Säcken und könnte sogar Baumwolle in Teilen ersetzen- sofern es gelänge, den von den ubiquitär vorkommenen Großen Brennnessel bekannten (Rein)Fasergehalt von etwa 3 % (Spoiler: Bastgehalt ist nicht gleich Fasergehalt) über die von uns angebotene Herkunft mit etwa 15% Reinfasergehalt auf zukünftig 25% zu steigern. Nach umfänglichen (Feld)Versuchen musste eingestanden werden, dass 85% “Beifang” einfach nicht konkurrenzfähig zu anderen Bastfaserpflanzen wie Hanf (75%) oder Flachs(65%) sind. Dies unabhängig davon, dass für Fasernessel ein außergewöhnlich umweltfreundliches weil biologisches Aufschlußverfahren zur Verfügung stehen könnte…..und erste Spinn- und Strickversuche zu bemerkenswerten Qualitäten geführt haben.

In China ein besonderes Objekt der Aufmerksamkeit durch die Sohn des Himmels, in Mittel- und Nordeuropa ein Forschungsgegenstand der christlichen Klöster: Ramie und Fasernessel. Obgleich es sich bei beiden Faserpflanzen um Nesselarten handelt, so ist die Fasernessel besser an hiesige Bedingungen angepasst als die Ramie. Selbst in Mittelgebirgslagen bildet sie – genügend Wasser und Nährstoffe vorausgesetzt – stattliche Bestände. Nach den milden Wintern der letzten Jahre zeigten sich hier in Norddeutschland bereits Ende Februar die ersten Sprosse des Neuaustriebs. Unter den speziellen Bedingunge des Schattens einer Agri-Photovoltaik und entsprechend umgelenkten Niederschlag sowie einer stickstoffreichen Mulchschicht hat sich aus einem kleinen Versuchspflanzung in 2023 in 2024 ein beeindruckender Fasernesselbestand meiner Herkunft entwickelt, der aus einerKernbeerntung (Ränder je 50cm bis 70 cm werden nicht eingerechnet) bereits  im zweiten Nutzungsjahr auf über 1300 kg Reinfaser je Hektar kam.

Die Ramie lässt sich da schon mehr Zeit: je nach (Boden)Temperatur  kann es gut bis in den Mai dauern, bis sich erste Sprosse zeigen. Dann  aber geht alles sehr schnell – tägliche Längenzunahmen von 8 cm -10 cm sind keine Ausnahme. Bei etwa 2 m Länge ist unter unseren Langtagsbedingungen aber Schluss mit dem Längenwachstum, zur Blüte gelangt unsere Ramie nur unter den etwas kürzeren Tagen und im Weinbauklima des Rheingaues (meine Mutter kümmert sich hier um eine kleine Population im Garten des elterlichen Hauses), hier im Norden etwa auf der Breite von Lübeck blüht sie nur im Gewächshaus wenn sie im Halbschatten steht

Obwohl auch die Fasernessel sehr feine Fasern liefert ist die Ramie doch klar im Vorteil, da ihre Fasern fein UND lang sind. Bei den Blättern wiederum herrscht Gleichstand: In der Volksmedizin werden Blätter von Ramie und Fasernessel  aufgrund ihres hohen Gehaltes an Vitaminen(A, C, B, E) Mineralstoffen  (Kalium, Calzium, Magnesium) Flavonoiden, Polyphenolen und Gerbstoffen geschätzt. Fasernessel und Ramie wirken leicht harntreibend und können so aufsteigenden Harnwegsinfektionen entgegen wirken. Getrocknete Blätter der Ramie werden neben Tee im asiatischen Raum (oder von von Kunden mit einem Bezug dazu) auch in Gebäck verwendet, während die Blätter der Fasernessel eher frisch in Suppen oder spinatähnlichen Zubereitungen genossen werden.

Histaminempfindliche Personen sollten jedoch der Ramie den Vorzug geben, da diese keine Brennhaare besitzt. Vom Mineralstoffgehalt ist oft einem Eistee aus (möglichst frischen) Brennnessel- oder Ramieblättern und (aus geschmacklichen Gründen) Minze, Zitronengras oder Zitronenmelisse der Vorzug vor allen möglichen “Elektrolyt-Getränken” zu geben. (der Autor besteht auf einer Mischung mit weiteren Komponenten wie Minze, Zitronengras und/oder Speisehanf, da ihn der Geschmack des sortenreinen Nessel- oder Ramietees nicht überzeugt).

Insoweit nutzen wir nicht nur die Ramie- und Nesselfasern in unseren Versuchen zu Bastfaserpflanzen,  sondern auch die Blätter für Tee sowie die Holzteile und Pflanzenleime für Dünger bzw. Terra preta.

Zu dem o.g. biologischen Aufschluss ist noch zu erwähnen, dass wir das Prozesswasser der Degummierung vollständig wiederaufbereiten, das dabei entstehende Reinwasser nutzen wir als frisches Prozesswasser, dass gleichzeitig entstehende Nährstoffkonzentrat als Gießwasser für unsere Heilpflanzen.

Wer also an den Aufbau von eigenen Fasernessel- und Ramiebeständen denkt, könnte über die angebotenen  lebenden Pflanzen den langen und beschwerlichen Weg über das Saatgut sparen. Nessel pflanzt man von Mitte Mai bis Ende September, Ramie von Mitte Juni bis Anfang September.

2 * Topf Fasernessel 1 Liter  https://shop.flachs.de/produkt/fasernessel-1-l-topf-urtica-dioica-l-convar-fibra/

2 * Topf Ramie 1 Liter https://shop.flachs.de/produkt/ramie-15-l-topf-boehmeria-nivea-var-nivea-chinagras/

Während die Fasernessel nur einer ausgewogegenen organischen Dünger mit bemerkenswert viel Stickstoff bedarf, wünscht die Ramie zusätzlich einen winterlichen Frostschutz, der ein Erscheinen der ersten Triebe nach den Eisheiligen sicherstellt.

Biologische Degummierung von Bastfasern – was genau ist das?

Genau genommen ist das Verfahren der biologischen Degummierung von diversen Bastfasern wie Flachs, Hanf, Fasernessel und Ramie genau so alt wie deren Nutzung durch den Menschen. Auch vor etlichen tausend Jahren war es ohne die mehr oder weniger kontrollierte Abtrennung von faserbegleitenden Klebstoffen durch ubiquitäre Mikroorganismen, meist Bakterien oder Pilze, überhaupt nicht möglich, verspinnbare Fasern zu erhalten.

Flachs

Besonders beim Flachs wurde dieses im wahrsten Wortsinn „natürliche“ Verfahren sehr weit entwickelt. Dennoch ist sein Gegenstand, die mikrobielle Abspaltung von hochmolekularen organischen Säuren und deren Salzen von den Zellulosefasern der Bastfaserpflanzen und damit die Loslösung der Fasern aus dem mechanischen Verstärkungsverbund der Einzelpflanze, der Gleiche geblieben.

Die sogenannte Tauröste nutzt die zu Milliarden auf jedem Quadratmeter Ackerfläche vorhandenen Saprobionten (d.h. von toter organischer Substanz lebender Kleinstorganismen) zum Abbau der Faserbegleitstoffe bereits im Verlauf der Ernte und führt so einen Gutteil der von den Flachspflanzen aufgenommenen Nährstoffe unmittelbar in den Ackerboden zurück aus dem sie stammen. Der Nährstoffexport von der Anbaufläche wird entsprechend minimiert. Nachteilig bei dem Verfahren ist dessen hohe Witterungsabhängigkeit, die immer wieder zu Missernten führt. Bei den Saprobionten der Tauröste handelt es sich überwiegend um Pilze, die im feucht-warmen Milieu besonders schnell arbeiten und nur durch eine vollständige Trocknung des Flachsstrohs zur Einstellung ihrer Zersetzungsarbeit gezwungen werden können.
Wenn jedoch der Regen nicht enden will und so die dringend notwendigen Trocknungs- bzw. Feldarbeitstage nicht zur Verfügung stehen, überröstet der Flachs und kann im Extremfall dermaßen an textiler Qualität verlieren, dass er eine Bergung und Weiterverarbeitung nicht mehr lohnt.

Von links nach rechts: Flachs getrocknet (Grünflachs) -> Tauröstflachs -> Wasserröstflachs -> Flachs aus modifizierter Wasserröste (Copyright Bild: Heger.Hulda Natural Fibres Consultants)

Etwas anders liegen die Verhältnisse bei der Wasserröste. Dieses Aufschlussverfahren war bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts das Standardverfahren zur Erzeugung von hochqualitativen Flachsfasern. In dem belgischen Fluss Leie (franz.: Lys) wurde über viele Jahrhunderte hinweg gebündeltes Flachsstroh biologisch aufgeschlossen. Ebenso legendär wie die Flachsqualität war die Farbe des Flusswassers: Goldgelb, was der Leie den Beinamen „Der goldene Fluss“ eingebracht hat.
Im Unterschied zur Tauröste erfolgte dort die traditionelle Wasserröste an auf dem Feld lediglich getrocknetem Flachsstroh, welches, unter Dach zwischengelagert, chargenweise entkapselt, gebündelt und in Kästen in den Fluss eingesetzt wurde.
Bei dieser Vorgehensweise exportierte man zwar eine Menge Nährstoffe von den Feldern in den Fluss bzw. die Nordsee, gewann jedoch mit den in den Kapseln befindlichen Leinsamen eine beträchtliche Menge bester Nahrung und Saatgut.
Die industrielle Wasserröste wird heute hauptsächlich in Ägypten betrieben. Dies nicht etwa, weil man dort deren Verfahrensvorteile voll ausschöpfen würde, sondern eher, weil unter den dortigen Niederschlagsverhältnissen eine homogene Tauröste nicht durchführbar ist.
Auch findet die dortige Wasserröste nicht mehr in Flüssen oder Gräben statt, sondern ist in große Betonbassins verlegt, in denen in Röstwasser und am pflanzlichen Gewebe etablierte Saprobionten, überwiegend Bakterien, den Aufschluss durchführen. Dieser dauert je nach Jahreszeit bis zu 12 Tage und endet damit, dass durch Ablassen des Wassers die biologische Degummierung abgebrochen wird. Neben den Röstbassins befinden sich große Freiflächen, auf denen der Flachs unmittelbar nach der Entnahme aus den Röstbassins sonnengetrocknet werden kann.
Die oft überalterten Anlagen genügen hiesigen Vorstellungen von Prozesssteuerung, Nachhaltigkeit und Umweltschutz zwar nicht, stellen aber ein risikoarmes Aufschlussverfahren dar. Erkauft wird die dortige Wasserröste mit einem hohen Handarbeitsaufwand und nicht unbeträchtlichen Emissionen.
Investitionen in eine optimierte Steuerung des Wasserröstprozesses, dessen Mechanisierung und eine Brauchwasseraufbereitung bzw. einen geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf können die dortigen Akteure derzeit nicht leisten. Dies ist umso bedauerlicher, als die biologische Degummierung von Flachs in Form der Wasserröste unter den ägyptischen Witterungsbedingungen ein weitaus größeres Optimierungspotenzial bietet als dies in Westeuropa bei der technisch sehr ausgereiften Tauröste der Fall ist.

Hanf

Die biologische Degummierung von Hanf mittels der Tauröste, einerlei ob als Stängel in Parallellage analog Flachs oder ob als vorzerkleinertes Materialgemisch aus mehr oder weniger zerkleinerten Stängelteilen bzw. freiliegenden Fasern, ist wegen dem natürlichen Aufbau des Hanfstängels nur in Ausnahmefällen homogen umsetzbar. Im Ergebnis bedeutet dies, dass praktisch keine Hanffasern aus Tauröste für mittel- und hochwertige textile Zwecke zur Verfügung stehen.
Die traditionelle Wasserröste von Hanf, wie sie vereinzelt beispielsweise noch in Ungarn durchgeführt wird, krankt an suboptimalem Ausgangsmaterial und überalterter Aufschluss- bzw. Verarbeitungstechnologie. Die so gewonnenen Hanffasern sind zu mittleren oder gar feinen Hanfgarnen leider nicht ausspinnbar.

 

Von Links nach Rechts: Hanf getrocknet -> Hanfstroh Tauröste -> Hanfstroh modifizierte Wasserröste (Copyright Bild: Heger.Hulda Natural Fibres Consultants)

Aus China sind eine Vielzahl von Patenten bekannt, die sich, teils von zweifelhafter erfinderischer Höhe, mit der biologischen oder biochemischen Degummierung von Hanf befassen. Ob und inwieweit diese Patente in Hinblick auf die rein biologische Degummierung auch in dortigen Industrieanlagen genutzt werden lässt sich von dieser Stelle aus nicht beurteilen. Fest steht lediglich, dass die feinsten derzeit am Markt erhältlichen Hanfgarne aus China stammen.
Textiltechnologisch überzeugende Ergebnisse bezüglich Langhanf hinsichtlich der Wasserröste in Europa liefern lediglich Kleinanlagen, deren großtechnischer Umsetzung ein hoher Konstruktionsaufwand, ein beträchtlicher Investitionsbedarf sowie die Notwendigkeit der Integration aufwändiger Wiederaufbereitungsanlagen der Abwässer entgegensteht.

Europäische Fasernessel und Ramie
Beide Nesselarten, die europäische Große Brennnessel und die Ramie lassen sich zwar grundsätzlich ebenfalls mittels der Tauröste degummieren, jedoch sind die durch eine anschließende mechanische Entholzung gewonnenen Fasern von unzureichender textiler Qualität. Hervorragende Qualitäten an Ramie- und Nessel fasern sind hingegen gewinnen, wenn eine Entholzung bzw. Entfernung der Kutikula im erntefrischen Zustand (Ramie) erfolgt oder der (innere) Holzteil des Stängels die Abtrennung der Faser unbeschadet, d.h. als Ganzes, übersteht.
Zu den schon im vorherigen Absatz genannten Hindernissen einer großtechnischen Umsetzung der Erfahrungen aus hiesigen Versuchsanlagen treten im Fall der Ramie noch interkulturelle und wirtschaftspsychologische Hindernisse hinzu. So sind beispielsweise in China häufig wissenschaftlich-technisches Know-How und ökonomische Entscheidungskompetenz entkoppelt, so dass Investitionsbefürwortungen von Ingenieuren gegenüber der Unternehmensführung zu erheblichen Karriererisiken führen können. Hinzu kommt, dass schnell verdientem Geld meist der Vorzug von nur langfristig rentablen, gleichwohl nachhaltigen und ökologisch vorzüglichen Investitionen gegeben wird.

 

Von Links nach Rechts: Ramie VR China (chemisch degummiert durch alkalische Überdruckochung) -> Ramie Deutschland (modifizierte Wasserröste) -> Fasernessel Deutschland (modifizierte Wasserröste) (Copyright Bild: Heger.Hulda Natural Fibres Consultants)

 

 

Derzeit häufen sich die Meldungen, dass vor allem in China im industriellen Hanf und Ramie Maßstab auch biologisch degummiert würden. Geht man diesen Nachrichten auf den Grund, stehen dahinter jedoch stets Verfahren, bei denen nicht lebende Organismen, sondern biotechnologisch erzeugte Enzyme bzw. Enzymmischungen unter -mit Temperatur und Prozesschemikalien – exakt eingestellten Bedingungen einige Stunden auf die Bastfasern einwirken. Dies jedoch ist kein biologischer Prozess, sondern allenfalls ein biochemisches Verfahren.
Auch ist der Neuigkeitswert eher begrenzt, versucht man in Europa doch seit mehr als 30 Jahren mit derartigen Enzymen die Tauröste von Flachs zu umgehen und aus unaufgeschlossenem, lediglich getrocknetem und mechanisch entholztem Flachs fein ausspinnbare Qualitätsfasern zu produzieren.
Interessanterweise haben sich jedenfalls in der Flachsfaserproduktion enzymatische Verfahren nicht durchsetzen können. Dies vor allem aus drei Gründen: Zunächst sind Enzyme in den erforderlichen Mengen nicht gerade billig, daneben setzen solche Verfahren einen beträchtlichem apparativen Aufwand voraus und schließlich reichen die enzymatisch behandelten Fasern in Feinheit und/oder Festigkeit nur in Ausnahmefällen an biologisch degummierten Flachs heran.
Ob man in China nun das Preis/Leistungsverhältnis der Enzyme durchschlagend verbessert hat, Zugriff auf günstigere Maschinen hat oder auf derart hochwertige Hanf- oder Ramierohstoffe zurückgreifen kann, dass es auf die letzten 10% Faserqualität nicht mehr ankommt, mag noch einige Zeit ein Geheimnis des Reichs der Mitte bleiben.
Bereits heute kann jedoch festgestellt werden, dass eine Behandlung mit künstlich zugeführten Enzymen kein biologischer, sondern ein biochemischer Prozess ist; insoweit ist Wert darauf zu legen, dass ein solcher Prozess nicht begrifflich grün gewaschen wird und zukünftig als das bezeichnet wird was es tatsächlich ist: eine biochemische Degummierung.