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Erste neuere Erfahrungen mit dem Anbau von Ramie in Deutschland

Innerhalb von 80 Tagen wächst Ramie leicht mehr als 2 m hoch

Innerhalb von 80 Tagen wächst Ramie leicht mehr als 2 m hoch

Ramie (Boehmeria nivea) ist eine Pflanze aus der Familie der Nesselgewächse und eng mit unserer großen Brennnessel (Urtica dioica), von der faserreiche Sorten als Fasernesseln bezeichnet werden, verwandt. Im Unterschied zu dieser weist Ramie allerdings keine Brennhaare auf und ist daher ein eher umgänglicher Zeitgenosse, der, einmal gepflanzt, als Dauerkultur bis zu 20 Jahre Erträge bringt.
Die Hauptanbaugebiete von Ramie liegen in den subtropischen Teilen von China, auf den Philippinen, in Brasilien und einigen südostasiatischen Ländern sowie in Indien. In Japan und Korea wird ebenfalls Ramie angebaut, dies jedoch eher aus einer langen Tradition heraus als im industriellen Maßstab. China nimmt bei weitem die wichtigste Stellung unter den Erzeugerländern von Ramie ein.

Vor etwa 120 Jahren, in einer relativ kurzen Zeitspanne mit vergleichsweise warmen Wintern, wurde Ramie auch in Deutschland angebaut und verarbeitet. Besonders in der Oberrheinebene fanden sich günstige Bedingungen hinsichtlich Boden und Klima. Zwar wurden seinerzeit viele Fragen von Anbau, Ernte und Aufbereitung bearbeitet und teilweise auch gelöst, jedoch verdarb der hohe Anteil an Handarbeit und die kostenträchtige Abtrennung unerwünschter Faserbegleitstoffe die Ökonomie des hiesigen Ramieanbaues, so dass die Ramiefelder nach wenigen Jahrzehnten wieder verschwanden.

Unsere Erfahrungen mit dem, zugegeben kleinflächigen, Anbau und der labormäßigen Verarbeitung von Ramie stammen aus dem Rohstoffgarten der Flachswerkstatt auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Holstein Flachs, wo wir von 2003 bis 2013 erste Erfahrungen mit Ramie – dies in direktem Vergleich mit Faserlein und Nutzhanf – sammeln konnten.
Ab 2012 wächst Ramie neben in bzw. neben unserem Gewächshaus in Nettelsee/Kreis Preetz sowie in Kiedrich im Rheingau.
Standardmäßig decken wir über Winter die Ramiepflanzen ab, da ein tief in den Boden einziehender Frost die unterirdischen Pflanzenteile jedenfalls schwächt oder gar abtötet. Dazu haben wir mit zufriedenstellenden Ergebnissen Flachsscheben, Tannenreisig oder Abdeckvliese verwendet.

Es ist nicht zu erwarten, dass in Mitteleuropa ähnlich viele (Teil)Ernten wie in China erzielt werden können. Während in Zentralchina 4 Schnitte im Jahr üblich sind, kamen wir über zwei Schnitte im Jahr nicht wirklich hinaus. Während dort der erste Schnitt bereits im März erfolgen kann, beginnt hier im besten Fall dann gerade einmal die Vegetationszeit.

Erhebliche Unterschiede zwischen den hiesigen und fernöstlichen Standorten bestehen auch in Niederschlagsverteilung und den täglichen Sonnenstunden. Dies macht es in trockenen Sommern -wie in den beiden letzten Jahren- einerseits erforderlich, die Ramie zu bewässern, andererseits ist die Ramie auch nicht optimal an die hohe und lange (Ende Mai bis Ende Juli ) Sonneneinstrahlung angepasst. Letzterem sind wir durch den Anbau von Ramie im Mittag und Abendschatten von Nutzhanf und Miscanthus bzw. neben von Osten nach Westen verlaufenden Mauern entgegen getreten.

Dennoch sind die ersten Ergebnisse unserer Versuche mit großer Vorsicht zu bewerten.
Über die Jahre haben wir in der Summe aller Teilernten relativ stabile Trockenmasseerträge im Bereich von 1,4 bis über 2 kg/m2 gefunden. Die Trockenmasseerträge der Blätter und der Sprossspitze betrugen dabei etwa 0,25 bis 0,4 kg/m2, die des Holzkerns etwa 0,65 bis 1,05 kg. An degummierter (spinnfähiger) Ramiefaser entspricht dies etwa 0,08 bis 0,18 kg/m2.
Diese Erträge liegen (umgerechnet 800 kg/ha bis 1800 kg/ha) etwas unter jenen von Faserlein (900 kg/ha bis 2600 kg/ha), jedoch darf dabei nicht verkannt werden, dass die Ramiefaser wesentlich feiner als die Flachsfaser ist. Dies gilt sowohl für die technischen Flachsfaserbündel im Langflachs und Werg als auch für die Elementarfaser, d.h. eine einzelne Faserzelle: Während die Elementarfaser von Flachs 60mm Länge kaum überschreitet, finden sich in Ramie Faserzellen von 100 bis 200 mm Länge.

Entsprechend ist Ramie auch diejenige Bastfaserpflanze, aus der die feinsten Garne (Nm 60 bis Nm 80) hergestellt werden können, während beim Flachs bzw. Leinen Garnfeinheiten oberhalb Nm 40 nur sehr selten am Markt sind.
Flächenerträge und Feinheiten machen die Ramie zwar zu einem potenziellen Substitut für Baumwolle, jedoch fehlt es selbst in den Hauptanbauländern an effektiver Ernte- und Aufschlusstechnologie und dem Bewusstsein, dass eine Vorfinanzierung von Forschung und Entwicklung zu Ramie unter dem Strich wesentlich günstiger kommt als die (Nach)Finanzierung der Umweltschäden durch exzessiven Baumwollanbau. Oder anders gesagt: Verluste durch Umweltschäden in Baumwollanbau werden sozialisiert, Gewinne werden kapitalisiert.

Für weitergehend Interessierte wird der Flachsshop bald einen Anschauungsset „Ramie S“ in das Sortiment nehmen. Daneben sind ab März wieder lebende Ramiepflanzen für Ihren Garten oder Ihr Gewächshaus erhältlich.

„Oberflächlich betrachtet“: Eine frühe Aussaat kann auch zu früh sein!

Der noch im März bejubelte allgemein frühe Aussaattermin hat auch seine Schattenseiten. Insbesondere auf den schwereren Böden in Nordfrankreich, beispielsweise in den Regionen Seine-et-Marne oder Aisne, in den belgischen Küstenregionen oder im Raum Liège sind Teile der Anbauflächen durch unregelmäßigen und lückenhaften Aufwuchs gekennzeichnet.! Die Ursachen dafür werden in der mangelnden Frostgare der dortigen Böden sowie einen zu frühen Bearbeitungstermin bzw. zu nassem Boden zur Saat gesehen.! Die Folge war ein klutiges Saatbett, welches insbesondere unter den zunächst trockenen Bedingungen nach der Einsaat zu einem Auflauf der Flachspflanzen in mehreren Welle geführt hat. Einzelne Flächen mussten gar umgebrochen und erneut gesät werden.! Von diesem Phänomen sind etwa 3000 bis 6000 ha Flachs in unterschiedlicher Schwere betroffen.!

Ein klutiges Saatbett erlaubt keine einheitliche Ablagetiefe der Flachssamen und führt leicht zu Keimung und Auflauf in mehren Wellen.

Ein klutiges Saatbett erlaubt keine einheitliche Ablagetiefe der Flachssamen und führt leicht zu Keimung und Auflauf in mehren Wellen.

Das Gros der Flächen in den Hauptanbauländern Frankreich, Belgien und Niederlande steht recht gut, auch wenn es lokal deutliche Unterschiede infolge relativ knapper Niederschläge in den Wochen nach der Aussaat gibt.! Nach dem milden Winter stehen die Bereiche, in denen Winterflachs (also im Herbst gesäter Flachs) angebaut wurde sehr gut da, bereits zu Beginn der letzten Maidekade waren die Bestände vollständig abgeblüht und durchweg etwa 1 Meter hoch.!

Kein Vergleich mit Katastrophenjahren – von Hagelschäden und lagerndem Flachs sind lediglich überschaubare Areale betroffen

Die jüngsten Gewitterstürme, die in Nordrhein-Westfalen gewaltige Schäden verursacht haben waren in den Flachsanbaugebieten Nordfrankreichs, Belgien und der Niederlande weitaus weniger ausgeprägt. Es wird von einem Anteil an Lager (niedergedrückte Flachspflanzen) in einer Größenordnung von 10% der Gesamtfläche berichtet, von dem sich ein Gutteil bei dem erwarteten sonnigen und windigen Wetter der nächsten Tage wieder aufrichten sollte. Weiter lesen…

Flachsaussaat im Kleinen – einige Tipps und Tricks

Der Flachsanbau im Kleinen kann zu einem wunderbaren Erlebnis werden, wenn einige Grund legende Eigenschaften und Bedürfnisse des Faserleins beachtet werden. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle ob es sich um eine Demonstrationsfläche in einem Freilichtmuseum, einem Schulgarten, einen Hausgarten oder ein Stück ackerbaulich genutzter Fläche handelt. Im Folgenden haben wir die wichtigsten Hinweise für „Neulinge“ zusammengefasst: Weiter lesen…

Flachsaussaat im Kleinen – einige Tipps und Tricks

Der Flachsanbau im Kleinen kann zu einem wunderbaren Erlebnis werden, wenn einige Grund legende Eigenschaften und Bedürfnisse des Faserleins beachtet werden. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle ob es sich um eine Demonstrationsfläche in einem Freilichtmuseum, einem Schulgarten, einen Hausgarten oder ein Stück ackerbaulich genutzter Fläche handelt. Im Folgenden haben wir die wichtigsten Hinweise für „Neulinge“ zusammengefasst: Weiter lesen…

Flachsernte im Rohstoffgarten – der erste Saattermin ist eingebracht

Zum Tanz in den Mai lugten die Keimlinge der Flachspflanzen nur wenige Zentimeter aus der Erde, ab dem 20. Juli wäre die Ernte dem Entwicklungsstand der Pflanzen nach möglich gewesen, schließlich haben wir uns jedoch entschieden erst sehr spät – d.h. am 9. August – zu raufen, da wir den Wunsch unserer Kunden nach voll ausgebildeten Samenkapseln antizipiert haben. Für unsere Versuche zu Fragen von Röstverfahren haben tatsächlich bereits ab Mitte Juli kleine Teilernten durchgeführt, da auch die Beurteilung von Faserqualitäten Gegenstand dieser Untersuchungen ist.
Das Handraufen – also das Herausreißen der Flachspflanzen mitsamt Teilen der Wurzeln aus dem Boden – gestaltete sich insoweit schwierig, als die durchgeführte Unkrautbekämpfung von Hand deutlich weniger wirksam als eine Herbizidbehandlung ist und so reichlich Vogelwicke und Windender Knöterich eine aufwendige Sortierung von jeder Handvoll Erntegut notwendig machte. Deshalb wurde mit nur einer Hand gerauft, um mit der anderen Hand das Bündel sofort von Unkraut zu befreien. Weiter lesen…

Stand Anbaujahr 2013

Nicht sehr vielversprechend – aktueller Stand der Flachsanbauflächen in Westeuropa

Eigentlich sollte der „Flachsmonat“ Juni richten, was März, April und Mai verdorben hatten. Die Temperaturen und Bodenbedingungen im März, der üblichen Saatzeit in Frankreich und Teilen Belgiens, erlaubten nur die Aussaat marginaler Flächenanteile in der ersten Monatsdekade. Dies stellte sich im Nachhinein fast noch als Glücksfall heraus, sorgten doch die niedrigen Temperaturen verbunden mit zu nassen Böden für einen so zögerlichen Auflauf, dass die Fröste um den 10. März den Flachs immerhin noch nicht über der Erde vorfanden. In der zweiten Aprildekade, mit rund drei Wochen Verspätung, konnte die Aussaat weitgehend abgeschlossen werden, allerdings sorgten die im Vergleich zum Vorjahr noch immer deutlich niedrigeren Luft- und Bodentemperaturen für langsamen Auflauf und Jugendentwicklung. Der Mai zeichnete sich in den meisten Anbauregionen durch reichlich Niederschläge, niedrige Temperaturen und wenig Sonnenstunden aus. Dadurch wurde das Streckungswachstum verlangsamt, ebenso aber auch die Bildung von Faser und Stützgewebe. Weiter lesen…

Nicht sehr vielversprechendStand der Flachsanbauflächen in Westeuropa zum Johannistag 2013

Eigentlich sollte der „Flachsmonat“ Juni richten, was März, April und Mai verdorben hatten.

Die Temperaturen und Bodenbedingungen im März, der üblichen Saatzeit in Frankreich und Teilen Belgiens, erlaubten nur die Aussaat marginaler Flächenanteile in der ersten Monatsdekade.
Dies stellte sich im Nachhinein fast noch als Glücksfall heraus, sorgten doch die niedrigen Temperaturen verbunden mit zu nassen Böden für einen so zögerlichen Auflauf, dass die Fröste um den 10. März den Flachs immerhin noch nicht über der Erde vorfanden. Weiter lesen…